High Hopes

Damit nie wieder alles weg ist ... hoffentlich haha. ha.
 
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 Winterfest Teil 1

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Sandra_Caterina
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Anzahl der Beiträge : 29
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BeitragThema: Winterfest Teil 1   Di Jan 02, 2018 9:26 pm

Gebannt sah ich den kleinen, weißen Flocken beim Fallen zu und wünschte mir wieder einmal von ganzem Herzen, dass es auch bei uns Zuhause, im westlichen Königreich, zumindest ab und an Schnee geben würde. Auch wenn ich die Kälte nicht ausstehen konnte, hatte ich Gefallen an schneebedeckten Länderein und glitzernden Bäumen gefunden, sodass ich die Minusgrade stoisch ertrug. Unser eigenes Schloss bekam jedoch höchstens alle paar Jahre ein wenig des weißen Pulvers ab, deswegen freute ich mich dafür doppelt und dreifach auf die Zeit des Winterfests, die ich wie üblich auf Schloss Silbermeer verbringen würde. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, seitdem ich Jonathan das letzte Mal gesehen hatte und ich fragte mich, ob er erneut gewachsen war. Als Kinder waren wir in etwa gleich groß gewesen, aber in den letzten Jahren schoss der Kronprinz deutlich in die Höhe, während der erhoffte Wachstumsschub bei mir ausblieb. Nun gut, er mochte vielleicht größer sein, aber dafür würde ich klein und wendig bleiben, während er mit jedem Jahr einen dickeren Bauch bekommen würde, bis er aussah wie all die anderen adeligen Herren bei Hofe.
„Der Ausblick ist zauberhaft“, schwärmte Katrina, den Blick genau wie ich aus dem Fenster der weiß gepolsterten Kutsche gerichtet. Ihre Hände waren aus der beigen Pelzrolle geschlüpft, die auf ihrem Schoß lag und flochten ungeduldig den langen, dunkelblonden Zopf neu, der sich irgendwo zwischen dem Wirtshaus in Lowafels und der Grenze von Walestein aufzulösen begonnen hatte.
Ohne den Blick von der weißgetünchten Landschaft abzuwenden, nickte ich zustimmend.
„Schau mal, Beccie, da drüben sind Rehe!“
Auf das aufgeregte Zeigen meiner älteren Schwester Sage hin sah auch unsere Nichte Rebecca mit verschlafenem Blick aus dem Fenster. Auch ich versuchte die Tiere zu entdecken, konnte aber nichts sehen, weil ich im Gegensatz zu Katrina und Sage am falschen Fenster saß.
Auf typisch undeutlich-nuschelnde Rebecca-Art brachte die Dreijährige heraus: „Sin‘ wir da?“
Sage zog das in dicke Decken gehüllte Mädchen näher zu sich, um sie etwas vor der Kälte zu schützen. „Fast. Siehst du den Fluss da vorne? Gleich dahinter beginnt schon ein Vorort von Walestein.“
Neugierig begutachtete Beccie die vorbeiziehende Landschaft, während ich mich meiner Schwester zuwandte.
„Vielleicht zehn Minuten? Nicht länger“, schätzte ich die übrige Fahrzeit ohne groß nachzudenken ein. Ich war diesen Weg schon so oft entlanggefahren, dass ich vermutlich im Schlaf nach Silbermeer finden würde.
„Hoffentlich brennt das Feuer in unseren Zimmern bereits.“
„Oh bei den Göttern, lass es so sein“, stimmte ich Katrinas Wunsch inbrünstig zu und bewegte meine Zehen etwas, die in ihren dünnen Stoffschuhen kaum noch zu spüren waren. Meine Garderobe daheim hatte in den letzten Jahren unwirkliche Ausmaße angenommen, aber trotzdem hatte ich nirgends ein gefüttertes Paar Winterstiefel finden können. „Ich kann mich noch erinnern, als sie letztes Jahr darauf vergessen haben und ich mitten in der Nacht ankam, mit nassem Rock und tauben Gliedmaßen.“
„War das nicht auch das Jahr, in dem du um 3 Uhr morgens deine gesamten Zofen aus dem Schlaf gerissen hast, da du ein heißes Bad nehmen wolltest?“
Katrina sah mich streng an – ich wusste genau was sie davon hielt, unangemessene Wünsche zu äußern -, aber es berührte mich wenig. Sie war manchmal wirklich eine verdammte Besserwisserin und daher streckte ich bloß die Zunge raus, um ihr zu zeigen, was ich davon hielt. Sie war vielleicht schon Burgherrin, aber erst 13 Jahre alt, womit ich ein Jahr älter als sie war und eindeutig mehr Lebenserfahrung besaß.
„Raven“, mahnte Sage mich leise, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Mundwinkel etwas zuckten. Mit ihr kam ich von allen meinen Geschwistern noch am besten aus im Moment, aber sie hatte vor kurzem geheiratet und ich sah bei weitem nicht mehr so viel von ihr wie ich das gerne hätte.
Die Kutsche machte einen kleinen Satz, als ein Rad auf einen besonders großen Stein traf und wir verzogen alle synchron das Gesicht. Nach gefühlten Ewigkeiten in dieser Kutsche konnte es keiner von uns mehr erwarten, endlich anzukommen. Mein Hinterteil fühlte sich trotz der anfangs wirklich bequemen Sitzpolster bereits an, als … nein, eigentlich fühlte ich gar nichts mehr. Ich hatte mit dem langen Sitzen bestimmt schon die Blutzufuhr abgeschnitten und sähe die Landschaft draußen nicht so verzaubert aus, dann hätte ich schon vor Stunden angefangen vor Langeweile durchzudrehen.
Vorsichtig verlagerte ich etwas Gewicht in meine Beine und richtete mich, soweit es die Kutschendecke erlaubte, auf.
Sage verzichtete diesmal auf eine Belehrung, da sie vermutlich gerne das gleiche tun würde, aber Katrina schüttelte leicht den Kopf, als ob sie meine fehlende Damenhaftigkeit verzweifeln lassen würde.
„Wie viel lieber hätte ich einfach ein Pferd. Sogar lieber nach Silbermeer wandern würde ich!“, rief ich vollkommen ernst aus, als ich mich zurück in die Polster fallen ließ.
„Sag das nicht. Du würdest zu Fuß gar nicht mehr rechtzeitig zum Winterfest kommen.“
Wo Sage recht hatte, hatte sie recht. Vielleicht war die Kutsche doch kein so großes Übel im Vergleich mit der Langeweile, die ich ansonsten ertragen müsste.
„Ich hoffe ihr habt mir alle Geschenke besorgt.“
Mein Blick striff die anderen Kutscheninsassen, die alle mehr oder weniger genervt zurücksahen.
„Als ob du dir welche  verdient hättest“, murmelte Katrina aufsässig und auch Sage wirkte wenig begeistert von meiner Nachfrage. Nur Beccie grinste mich breit an.
„Geschenke“, wiederholte die Kleine strahlend und grabschte nach dem dunklen Reiseumhang meiner Schwester.
„Da wird sie gleich hellhörig.“ Sage strich der Kleinen lachend über die blonden Locken, um die ich sie manchmal beneidete. Vermutlich würde sie einmal genauso schön werden wie ihre Tante Elaine – aber hoffentlich um einiges weniger selbstverliebt. „Fang nicht so an wie deine Tante Raven. Man schenkt sich gegenseitig zwar Kleinigkeiten, aber nicht um derer Willen, sondern um seinen Freunden und der Familie zu zeigen, dass man an sie denkt und sie gerne hat.“
Automatisch rollte ich mit den Augen, das wurde mir hier zu kitschig.
Sage sah mich nachdenklich an, bevor sie fragte: „Gibt es da nicht eine Legende? Mir will gerade nicht einfallen wie sie anfängt…“
„Die Geschichte von der alten Frau und ihren Holzfiguren meinst du?“
„Ja, genau die“, meinte Sage auf Katrinas Nachfrage. Ich kannte diese Legende in- und auswendig, da sie mir Jonathans Vater, König Almar, als Kind so oft erzählt hatte, dass ich sie schon nicht mehr hören hatte können. „Wenn sie mir nur einfallen würde…“
Mit einem tiefen Seufzer, der meinem Widerwillen Ausdruck verleihen sollte, richtete ich mich in dem kleinen Wagen auf und begann zu erzählen:
„Also, es war einmal eine alte Frau, die ganz alleine in einer Hütte am Rande des Walds lebte. Die Einsamkeit machte ihr nicht viel aus, aber sie war nicht vermögend und hatte auch keine Kinder, die ihr mit ihren täglichen Besorgungen helfen könnten und so wurde es mit jedem Jahr schwieriger für sie den Winter zu überstehen.
Im ersten Winter sammelte sie noch Brennholz und verkaufte ihre handgeschnitzten Figuren an die Kinder der Nachbarschaft. Daraufhin ging sie wie all die Jahre zuvor zum Markt und holte allerlei Lebensmittel, die sie wohlgenährt durch den harten Winter bringen würden, bis es ihr im Frühling wieder möglich war, den Garten zu bestellen.
Im zweiten Winter jedoch wurde die Frau krank und konnte nicht hinaus in die Kälte, um Brennholz für ihre Stube zu sammeln. Dank ihrer Figürchen hatte sie stets genug zu essen, selbst wenn ihr der Appetit fehlte, aber nach einem langen Winter, in dem der Kamin nie gebrannt hatte, konnte nicht einmal die wärmende Frühlingssonne die Kälte noch aus ihren alten Knochen vertreiben.
Im dritten Winter begannen die Hände der seither schwachen Alten zu zittern und es war ihr nicht einmal mehr möglich die kleinen Holzfiguren zu schnitzen. Ohne Brennholz für die Wärme und Einkommen für ihre bereits kargen Mahlzeiten, wurde ihr mit jedem Tag, an dem es kälter wurde, unwohler zumute. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an die Händler und Bürger, die sich auf dem Marktplatz herumtrieben, doch niemand wollte der alten Frau ein offenes Ohr oder gar eine Goldmünze schenken. Zu sehr waren sie alle in ihre eigenen Vorbereitungen und Schicksale vertieft und so musste die gebrechliche Alte Tag für Tag ohne eine einzige Münze wieder in ihre kalte Hütte zurückkehren und sich von den Resten der warmen Jahreszeit ernähren.
Es kam jedoch der Tag, an dem ihre Vorratskammer bis auf den letzten Brösel leergegessen war. Draußen lag die Welt bereits unter einer dicken Schneeschicht vergraben und die Bürger von Walestein hatten sich in ihren beheizten Wohnräumen verkrochen, wo sie gemeinsam vor dem Kamin saßen, warme Milch tranken und sich Geschichten erzählten. Nur einige Kinder des Ortes spielten draußen im Schnee, solange die Sonne noch nicht zur Gänze hinter den schneeschweren Wolken verschwunden war.
Da ihr nichts anderes übrig blieb, ging die alte Frau ein letztes Mal zum Marktplatz, auch wenn sie bereits alle Hoffnung aufgegeben hatte. Eines der spielenden Kinder sah sie und kam langsam näher – die Eltern hatten ihm aufgetragen niemals mit Fremden zu sprechen, doch er hatte die Alte schon einige Male getroffen und wollte seine Neugier stillen.
„Wieso sitzt du hier draußen, wenn es so kalt ist?“, fragte der Junge ahnungslos, denn er selbst hatte immer genügend zu essen und ein warmes Feuer vor seinem Bett gehabt.
„Ich brauche Hilfe“, antwortete die alte Frau mit brüchiger Stimme und deutete in die Richtung ihres Holzhauses. „Mein Magen ist leer und mir fehlt das Gold, um mich durch den Winter zu bringen. Früher habe ich Kindern wie dir ihr Spielzeug geschnitzt, aber heute habe ich nicht mehr die Kraft dazu, da ich alt und krank.“
Nachdenklich sah der Junge sie an. Er kannte sie, denn seine Eltern hatten ihm vor einigen Jahren eine ihrer Holzfiguren gekauft, als die wettergegerbten Wangen der Alten noch nicht hohl und ihre löchrigen Schuhe noch neu waren.
Die alte Frau sah ihm mit Bedauern hinterher, als er davonlief, aber es überraschte sie nicht. Eine Weile saß sie im Schnee und sah den Flocken beim Fallen zu, während sie müder und müder wurde. Mit schweren Augenlidern machte sie drei Figuren in der Ferne aus, bevor sie einschlief.“


Für den dramatischen Effekt hielt ich kurz inne und tatsächlich hing Beccies Blick gebannt an meinen Lippen, als ich fortfuhr.

Das erste was sie danach wahrnahm, war eine Kinderstimmte, die rief: „Mama, ich glaube sie wacht auf!“
Die Stimme des Jungen veranlasste eine Frau am Kaminfeuer dazu ihre Handarbeit zur Seite zu legen und an das Tagesbett heranzutreten, auf dem die schmale Gestalt lag, deren löchrige Schuhe an der Tür gelassen worden waren.
„Sei so lieb und hol eine Tasse Tee“, bat die Mutter das Kind, während sie sich neben die schlafende Alte setzte, die unter den über ihr ausgebreiteten Decken fast verschwand.
Die Augenlider der Schlafenden zuckten, als sie langsam zu sich kam und den Blick durch das Zimmer schweifen ließ.
„Wo bin ich?“, fragte sie schließlich kaum hörbar und die Mutter des Jungen lächelte ihr beruhigend zu.
„In unserem Haus, ganz in der Nähe des Marktplatzes. Mein Sohn hat uns geholt, weil er sich Sorgen um Euch gemacht hat“, erklärte diese ihr und reichte den Tee weiter, den der Junge gebracht hatte. „Ihr seid schwach und vollkommen unterkühlt, ruht euch nur aus. Wir haben ein freies Bett im Haus und müssen uns um unsere Mahlzeiten nicht sorgen.“
Langsam, die eiskalten Muskeln streckend, umfasste die Alte den Tee und nahm einen vorsichtigen Schluck, bevor sie erneut aufsah. Die letzten Monde hatten ihr alle Hoffnung geraubt und sie traute der glücklichen Wendung noch nicht.
Sie sprach: „Was wollt ihr dafür, dass ihr mich beherbergt?“
„Wenn es möglich ist und ihr wieder stark genug seid“, begann die Mutter und lächelte ihrem Sohn zu, „Dann könntet ihr meinem Jungen noch eine eurer Holzfiguren schnitzen.“
Die alte Frau verbrachte den kalten Winter am Kamin der Familie, las dem Jungen vor und spielte mit ihm und der alten Holzfigur jeden Tag, bis er erschöpft ins Bett fiel und brachte dem ganzen Haus Freude im Gegenzug dafür, dass sie ihr Schutz und drei warme Mahlzeiten boten. Am Ende des Winters, als die ersten Tulpen zu blühen begannen und leichte Regenschauer den ständigen Schneefall ablösten, kehrte sie in ihre Hütte zurück, aber nicht bevor sie dem Jungen und seinen gütigen Eltern drei wunderschöne Holzfiguren schnitzte.
Bis heute kehrt die Alte immer beim ersten Schneefall im Haus der Familie ein, die sie großzügig beschenkte, und schnitzt ihnen im Gegenzug ihre Holzfiguren.“

„Aber … wieso schenkt die alte Frau uns nichts?“
Sage und ich sahen uns ratlos an. Wie erklärte man einer Dreijährigen, dass die Legende nur eine Legende und wir eben zu weit weg wohnten?
„Es ist doch nur eine Geschichte“, antwortete ich Beccie mit der leichten Herablassung der Schlaueren. „Die alte Frau existiert gar nicht und außerdem ist das in unserem Land halt einfach anders.“
„Aber deswegen fahren wir auch aufs Winterfest, dort bekommt jeder, der mitfeiert, Geschenke“, beeilte sich Sage hinzuzufügen, als Beccies Gesicht lang wurde. Auch ich, meinen Fehler bemerkend, versuchte der Dreijährigen rasch ein aufmunterndes Lächeln zu schenken und das Schlimmste zu verhindern, doch es war bereits zu spät. Mit vorgeschobener Unterlippe jammerte sie Sage für die nächsten Minuten voll, bis wir den bunt geschmückten und randvollen Marktplatz von Walestein im Slalom um feiernde Menschen, dick eingehüllte Reiter und schwer verzierte Markstände herum passiert hatten und auf das Schloss zuhielten. Katrina, die in diesem Jahr zum ersten Mal für die Dauer des Winterfestes auf Silbermeer wohnen würde, hatte sich so elegant wie möglich an die Fensterscheibe gedrückt, um nichts zu verpassen und bekam die weinerlichen Quengeleien von Beccie schon gar nicht mehr mit.
Ich hingegen konnte sie nicht so leicht ausblenden.
Sage, die auch erschöpft von der Reise als schwangere Frau war, sagte schließlich etwas wie: „Beccie, es reicht jetzt – ich weiß du bist müde, aber wir sind gleich da“, woraufhin die Dreijährige bloß lauter damit fortfuhr sich zu beschweren und auch ein, zwei Tränen herausdrückte. Mit blanken Nerven stand ich auf und hielt mich an Sages Schulter fest, um an die hölzerne Kutschenwand hinter ihr zu klopfen. Die anderen beobachteten verwirrt, wie wir langsam anhielten und ich die hölzerne Kutschentür aufdrückte.
„Raven, was wird das?“, verlangte Sage misstrauisch zu wissen, doch ich winkte ihr bloß zu und sprang von dem Trittbrett in die Kälte. Erst als sie Anstalten machte mir zu folgen, rief ich ihr etwas zu: „Ich gehe den restlichen Weg, ich kenne mich hier schließlich aus. Eine Minute länger in dieser Kutsche und ich tue Rebecca etwas an!“
Hastig machte ich mich auf den Weg, ohne eine Antwort abzuwarten, denn ich hatte weder Lust auf Katrinas Unzufriedenheit darüber, dass ich so war wie ich war, noch auf Sages Sorge. Ich mochte die beiden normalerweise echt gerne, aber nach zwei Wochen (?) in einer Kutsche mit ihnen brauchte ich Abstand, umso früher, desto besser. Die beiden schienen beschlossen zu haben, dass ich es tatsächlich alleine die letzten Meter aufs Schloss schaffen würde, denn ich hörte den Kutscher schnalzen und die Pferde setzten sich wieder in Bewegung. Bald schon war die Kutsche nur noch in der Ferne auszumachen, wobei der feine, aber dichte Schneefall es einem erschwerte weiter als einige Meter zu sehen.
Tief atmete ich die kühle Luft ein und genoss die Stille, die hier am Wegesrand herrschte. In der Ferne konnte ich den Trubel des Winterfestes aus dem Stadtinneren hören, aber fürs Erste war Silbermeer mein Ziel. Das etwas erhöht liegende Schloss auf den Klippen wurde durch einen gut befestigten Weg mit der Stadt verbunden, auf dem ab und zu einiges an Verkehr herrschen konnte, doch im Moment schien er wie ausgestorben. Die kirschroten Fransen meines Rocks striffen bei jedem meiner weiten Schritte die oberste Schneeschicht und waren bald komplett weiß verkrustet, aber ich war viel zu begeistert von dem weißen Pulver, um meine tauben Gliedmaßen zu bemitleiden. Erst nach einigen Minuten beschlich mich das Gefühl, dass ich nicht alleine war. Ich hielt einen Moment lang ganz still und wirklich wahr, unter dem Rauschen des Windes hörte ich das rhythmische Knirschen von Pferdehufen auf dem Schnee. Wütend wirbelte ich herum.
„Cole? COLE!“
Ich schrie gegen den Wind an und tatsächlich tauchte kurz darauf aus dem Schneetreiben ein dunkelbraunes Pferd und sein Reiter auf, der dick eingepackt war und ein wenig schuldbewusst aus der Wäsche schaute.
„Sage macht sich sicher Sorgen, wenn ich dich alleine in diesem Wetter herumlaufen lasse“, versuchte er mir seine Beweggründe vorsichtig zu erklären, doch für mich stand der Vertrauensbruch bereits fest. Wie alt dachte meine Schwester eigentlich, dass ich war? Mit 14 hatte ich mir wohl das Recht verdient, alleine einen Spaziergang zu machen. Auch wenn ich diesen langsam zu bereuen begann, da meine Füße in ihren Stoffschuhen langsam begannen zu schmerzen. Aber wäre es wirklich weniger schmerzhaft gewesen, Beccies Gemaule weiter zuzuhören?
„Ich bin alt genug, um auf mich selber aufzupassen.“
Und damit setzte ich meinen Weg fort. Hinter mir nahm ich die Geräusche vom Mann meiner Schwester und seinem Pferd war, doch ich ignorierte sie so gut wie möglich, denn mein Stolz erlaubte es mir nicht, klein beizugeben.
Eine heftige Windböe fegte über den von Häusern und Vegetation freien Weg und blies mir Schnee in alle Ecken und Ritzen, die bisher noch davor verschont geblieben waren. Aus dem Gleichgewicht gebracht, stolperte ich beinahe und versank bis zu den Knien im Pulverschnee. Verdammt, das war wirklich eisig. Meine Zähne begannen ohne mein Einverständnis aufeinanderzuschlagen und die Reue wuchs. Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen im Wagen zu bleiben, der Schnee sah von drinnen immer angenehmer aus als er es draußen dann war.
Cole trieb sein Pferd neben mich und schenkte mir einen besorgten Blick. „Du wirst dir noch den Tod holen, Raven. Komm, ich heb dich aufs Pferd.“
Mein schwacher Protestversuch ging in dem Knarzen des Ledersattels unter, als Cole sich vom Pferd schwang.
„Wenn es euch allen dann besser geht“, murmelte ich augenrollend, bevor ich einen Fuß in den Steigbügel setzte und mich auf das Tier zog. Cole folgte mir rasch und nahm hinter mir Platz, sodass er die Zügel fassen und mich gleichzeitig an Ort und Stelle halten konnte. Besonders bequem fand ich diese Position nicht, aber aufgrund meines Reisekleides konnte ich mich schlecht breitbeinig hinter ihn setzen.
Anstatt wie vorhin im gemütlichen Schritt hinter mir her zu schleichen, trieb er seinen Wallach nun an, um langsam zu der Kutsche aufzuschließen. Auch er schien zu frieren und ich konnte ihm ansehen, dass er so schnell wie möglich an ein Feuer wollte. Hätte er mit seiner Schleichaktion vorhin nicht meinen Stolz als Beinahe-Erwachsene verletzt, dann hätte ich womöglich Schuldgefühle verspürt, weil ich ihn noch länger in der Kälte gehalten hatte. So krallte ich jedoch nur eine Hand in die nasskalte Mähne des Tieres unter uns und hielt den Blick stur geradeaus gerichtet bis wir an die Kutsche angeschlossen und mit ihr gemeinsam das eindrucksvolle Schlosstor passiert hatten. Dort rutschte ich, während das Pferd noch lief, in den Schnee – offenbar kam man mit dem Wegräumen auch im Schlosshof nicht hinterher – und hielt direkt auf den Eingang zu, wo auch die Kutsche gehalten hatte. Sage war bereits ausgestiegen und Katrina folgte ihr, eine noch immer recht missgelaunt wirkende Beccie am Arm, die heftig mit ihr diskutierte. So gut sie es mit ihren zig Sprachfehlern und merkwürdigen Satzgebilden denn schon konnte. Die Aussicht auf Wärme und trockene Kleidung ließ mich jedoch schnurstracks an ihnen vorbei und in die Eingangshalle laufen, ohne groß auf die anderen zu achten.
Eine Bedienstete, die offensichtlich unsere Ankunft erwartet hatte, stand bereits an der Tür und nahm mir prompt den durchnässten Mantel ab. Ich wollte gar nicht wissen, welches Bild ich abgab, von oben bis unten durchgefroren, mit zerzaustem Haar und glühend roten Backen.
„Kann ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen, Hoheit?“, fragte sie dennoch höflich, sobald sie den triefendnassen Mantel an jemand anderen weitergereicht hatte.
„Ist Prinz Jonathan nicht hier?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, der Kronprinz nimmt bereits am Fest teil. Aber beim Abendessen werdet Ihr Ihn bestimmt antreffen.“
Jetzt würde ich sowieso erst einmal damit beschäftigt sein, mich aufzuwärmen und ein neues Outfit herauszusuchen – eines das Silbermeer und Schnee geeignet war -, daher nickte ich bloß.
„In Ordnung, dann würde ich nun gerne auf mein Zimmer.“
Die Bedienstete führte mich durch die üblichen Gänge hin zu den Gästezimmern, die meistens für mehr oder weniger spontanen Besuch vorbereitet waren und ich fragte mich fröstelnd, ob es nicht möglich wäre die Gänge besser zu beheizen. Aber vermutlich waren die Menschen hier schon so abgehärtet, dass sie die Kälte nicht mehr bemerkten. Oder diese dicken Steinwände speicherten sie einfach wie verrückt.
Vor dem Zimmer, das ich meistens bewohnte, wenn ich hier war, hielt die Bedienstete an und reichte mir den Schlüssel für die Tür.
„Falls Ihr noch etwas braucht, läutet einfach die Glocke – Ihr wisst Bescheid, denke ich.“
Lächelnd nickte ich ihr zu und entließ sie, bevor ich eilig ins Innere trat und die Tür hinter mir zufielen ließ. Ein wohliger Seufzer entkam mir, als ich die knisternde Wärme spürte, die vom Karmin her auf mich zu kroch.
„Wundervoll“, murmelte ich in den Raum hinein, während ich näher ans Feuer heranrückte und mich auf den Ohrensessel davor fallen ließ.
Es dauerte nicht lange, bis meine Gliedmaßen aufzutauen und unangenehm zu kribbeln begannen. Mit leidendem Gesichtsausdruck zog ich mir die nassen Stoffschuhe von den Füßen und hielt sie ans Feuer, bis sie knallrot, aber immerhin nicht mehr gefroren waren. Wie konnten Menschen solche Temperaturen nur einen ganzen Winter lang ertragen? Während des Winterfests gab es wenigstens an jeder Ecke Feuer, heiße Speisen und Getränke und Unterhaltung, doch die restliche Jahreszeit über musste dieses Königreich eisig und trübe sein. Nie und nimmer würde ich mich dazu überreden lassen hier zu wohnen!

Einige Stunden darauf war ich frisch gebadet und wohlig warm eingewickelt dazu bereit, mich zum Abendmahl aus meinen aufgeheizten Gemächern zu wagen. Auf der Suche nach einem passenden Outfit durchstöberte ich meine Reisegarderobe, die von einer Zofe bereits eingeräumt worden war, als es klopfte.
„Herein“, sagte ich verwundert, da ich niemanden erwartete.
Ein blonder Haarschopf, ordentlich geflochten und einmal um den Hinterkopf gelegt, tauchte in der Tür auf. Natürlich war meine Cousine bereits fertig hergerichtet und wirkte sehr erwachsen in dem taubenblauen Kleid, zu dem sie perlmuttfarbene Handschuhe und eine Perlenkette trug. Ein wenig zu fade in meinen Augen und die Farbe machte sie noch blasser als sie bereits war, aber sie sah eindeutig wie die Burgherrin aus, die sie war. Ich konnte mich stundenlang darüber lustig machen, wie krampfhaft wohlerzogen und erwachsen sie versuchte rüberzukommen, aber im Endeffekt wusste ich, dass sie sich diese Rolle nicht selber ausgesucht hatte. Es war nicht einfach, als 13-Jährige das Familienoberhaupt zu sein und die Verantwortung zu tragen. Daher verkniff ich mir einen Kommentar zu den Perlen und lächelte ihr stattdessen zu.
„Da du bereits fertig bist, kannst du mir ja nun helfen etwas passendes zu finden“, meinte ich und zeigte auf die Farbexplosion, die mein Kleiderschrank war.
Sie erwiderte mein Lächeln zögerlich. „Eigentlich wollte ich dich nach deiner Meinung fragen, Raven.“ Hört, hört, dachte ich verwundert, das hat Seltenheitswert. „Meinst du dieses Kleid genügt für heute Abend?“
Mein Blick flog über die künstlerisch um ihre Taille drapierte Schleife und die echten Perlen. „Katrina, das ist schon beinahe zu viel. Wir speisen zwar mit den Prinzen, aber es ist nur ein Abendessen – sorg dich nicht deswegen.“ Sie wirkte nicht ganz überzeugt, also fügte ich hinzu: „Und glaub mir, der jüngere Bruder ist ein echter Chaot, es würde mich überraschen, wenn Cambriel überhaupt sein Hemd richtig herum anhat.“
„Wie alt ist er denn?“, erkundigte sich Katrina, offensichtlich bereit dazu ihn zu verteidigen.
„Oh nein, er ist 14, das ist keine Entschuldigung.“
Katrina wirkte, als wollte sie etwas sagen, schien es sich dann jedoch anders zu überlegen und trat neben mich. „Nun gut, vielleicht finden wir etwas dezentes hier drinnen“, murmelte sie, während sie mit den Augen ein schrilles Kleid nach dem anderen überflog. Mit jedem schien ihre Hoffnung zu sinken.
So ganz verstand ich ihren Unmut nicht, denn meiner Meinung nach waren das alle sehr nette Kleider. Sicher, nichts für jedermann, aber ich trug sie gerne. „Das ist doch schön.“
Meine Cousine starrte entsetzt auf das rot-grüne Rüschenkleid, das ich hervorgezogen hatte und ich warf es schnell aufs Bett hinter mich, bevor sie etwas dazu sagte, dass sich nicht mehr zurücknehmen ließ. Daher suchte ich mir ein anderes heraus, das ich besonders wegen seiner weichen Textur, der bunten Stickerei und den Glockenärmeln schätzte.
„Nein“, entschied Katrina entschlossen und nahm es mir aus der Hand. „Besitzt du eigentlich ein einziges normales Kleidungsstück?“
Frustriert stemmte sie die Arme in die Seite.
„Vergiss normal, mir würde schon eines reichen, dessen Farben sich nicht schlagen“, meinte sie schließlich und ließ sich auf mein Bett sinken. Es war lustig wie sie ein wenig mehr Katrina und weniger die Gräfin von der Rosenburg war, sobald wir alleine waren.
„Also mir gefallen die so“, stellte ich fest, denn ich verstand wirklich nicht, weshalb sie die Kleider so abscheulich fand. Vor allem in diesem tristen Wetter brauchte man doch ein bisschen Farbe. Kurz entschlossen zog ich ein Magenta Abendkleid hervor, das mich warm halten würde und bloß mit einigen bunten Glasperlen um die Taille herum bestickt war. „Ist dies genehm, Gräfin Katrina?“, fragte ich mit einem Hauch Sarkasmus, als ich mich herumdrehte und es ihr zeigte.
Ihre Reaktion fiel glücklicherweise um einiges weniger heftig aus als zuvor. „Das ist doch ganz nett“, erwiderte sie, offensichtlich erleichtert darüber, dass ihre Begleitung heute Abend nicht wie ein Papagei aussehen würde.
Rasch schlüpfte ich hinter dem Paravent in das Kleid und knöpfte es selbst, so gut es ging zu, den Rest erledigte Katrina.
„Ich muss gestehen ich bin ein wenig nervös wegen des Essens“, sagte sie plötzlich, den letzten Knopf an meinem Kleid schließend.
„Vollkommen unnötig“, erklärte ich ihr. „Vermutlich wirst du gar nicht besonders viel mit der Königsfamilie zu tun haben, es sind immerhin mehr als ein Dutzend Adelige geladen.“
Sie atmete langsam ein und aus, bevor sie mir zulächelte. „Ja. Ja, du hast wahrscheinlich recht, Raven.“
„Das höre ich nicht oft aus deinem Mund, klingt aber gut.“
Sie murmelte noch etwas, aber ich verstand es nicht mehr, weil ich schon auf dem Weg zur Tür war. Nachdem ich aufgetaut war, hatte mich der Hunger gepackt, denn um Zeit zu sparen und früher anzukommen, waren wir den ganzen Tag ohne Essenspause gefahren. Das Frühstück schien bereits Ewigkeiten her zu sein und allein beim Gedanken an die Vorspeise begann ich bereits zu sabbern. Glücklicherweise beeilte sich auch Katrina und so saßen wir bald an dem festlich geschmückten Esstisch, der sich unter den schweren Essenstabletts nur so bog.
Wir waren früh dran und hatten bereits, mit einigen anderen Vorzüglern, etwas zu trinken eingeschenkt bekommen, als König Almar mit seinen Söhnen eintraf. Jonathan und Cambriel hatten beide rote Wangen vom Wind und der Kälte draußen, aber ansonsten sahen sie aus wie immer. Fröhlich winkte ich dem älteren Sohn zu, ohne die stechenden Blicke meiner Cousine zu beachten.
Almar beachtete mein unpassendes Benehmen wie üblich nicht und konzentrierte sich auf die Begrüßung der Erwachsenen. Jonathan sagte sein Vater bekäme immer Migräne, wenn er sich ärgerte, deswegen versuchte er es zu unterlassen. Was das nun damit zu tun hatte, dass er mich ab und an einfach nicht wahrzunehmen schien, konnte ich nicht genau erklären.
„Guten Abend, Prinzessin“, grüßte Jonathan heiter, nachdem er gegenüber von Katrina und mir Platz genommen hatte. Meine Cousine wirkte recht verschreckt wie sie neben mir saß und auf ihren Teller starrte. Cam hatte, nach einem vielsagenden Blick seines Bruders, die Weite gesucht und sich inmitten einer Schar junge Adeliger niedergelassen, die ihn sofort belagerten. Jonathan und ich erklärten uns dieses Phänomen mit Cams blonden Locken und blauen Augen, das musste eine bestimmte Anziehungskraft auf Fremde ausüben.
„Guten Abend, Kronprinz“, antwortete ich nach dem üblichen Muster bevor ich in jovialere Sprache verfiel. „Wie ist das Fest dieses Jahr? Wie lange warst du dort? Durftest du etwas Glühwein trinken?“
Er lachte und winkte ab. „Nein, wo denkst du hin, du kennst doch meinen Vater. Hat allen Standbesitzern eine Predigt darüber gehalten, dass an Bürger unter 16 nichts ausgeschenkt wird. Ansonsten ist es sehr schön, sie haben sich wirklich eine Menge Mühe mit dem Marktplatz gegeben“, erzählte er.
„Nur noch ein Jahr“, erinnerte ich ihn zwinkernd, woraufhin er nur die Augen rollte. Es interessierte ihn nicht sehr, dass er keinen Alkohol zu trinken bekam, mich hingegen machte das Verbot nur umso begieriger darauf. „Das ist übrigens meine Cousine Katrina.“
Jonathan folgte meinem Blick an meine Seite und schenkte ihr ein freundliches Lächeln. „Freut mich Euch kennenzulernen“, sagte er wahrheitsgemäß. „Ihr müsst Gräfin Katrina von der Rosenburg sein?“
„Das ist richtig, ja…Eure Hoheit.“
Katrinas Blick war stetig, aber ihre Stimme ein wenig piepsig. Ich hatte ihr doch gesagt, sie bräuchte vor Jonathan keine Angst zu haben! Es war zu bezweifeln, dass er sich die Begegnung überhaupt merken würde, immerhin würde er während dem Fest mit unendlich vielen Adeligen sprechen.
„Also“, versuchte ich die nervöse Stille zu durchbrechen, die sich auszubreiten drohte, „können wir heute noch einmal raus? Ich denke ich möchte das Fest im Dunkeln sehen!“
„Das halte ich für keine gute Idee, es hat schon arg abgekühlt“, versuchte Jonathan mir die Idee auszureden, aber sie hatte sich bereits in meinem Kopf festgesetzt. Wofür hatte ich denn zwei Wochen in der Kutsche gesessen? „Aleksander und ich waren …“
„Oh, über ihn hast du in einem Brief geschrieben“, erinnerte ich mich. Aleksander war ein Freund von ihm, dessen Eltern reiche Kaufleute waren, wenn auch nicht adelig, und er wohnte gleich unten in Walestein.
„Hat er das?“, wollte eine belustigte Stimme auf einmal wissen und ich sah überrascht auf, in zwei sehr dunkle Augen. „Normalerweise bin ich sein schmutziges, kleines Geheimnis von niedriger Geburt.“
Ich konnte nicht anders als bei dieser Aussage direkt loszulachen. Dass die anderen am Tisch starrten, war mir egal, die sahen wegen Aleksanders verspätetem Auftritt sowieso schon zu uns. Eine Freundin des Kronprinzen zu sein hatte außerdem den Vorteil, dass niemand etwas gegen einen äußern würde.
„Das stimmt doch so nicht“, wehrte sich Jonathan, dem der stürmische Auftritt seines Freundes sichtlich unangenehm war. Dieser Freund schien etwas älter zu sein, zumindest sagte mir das der leichte Bartwuchs, aber wenn ich mich richtig erinnerte war er auch erst ein Jahr älter als Jonathan, also 16. „Und mach keinen so einen Aufstand, wenn du schon zu spät kommst. Mein Vater köpft dich bald.“
„Wortwörtlich oder nur so als Phrase?“, hakte Aleksander grinsend nach, aber Jonathans Blick ließ ihn klein beigeben. „Schon gut, ich schweige und esse.“

Als der vollste Teller geleert und das langatmigste Gespräch beendet war, beendete König Almar das Festessen und die Gäste verließen der Reihe nach den Saal, um sich für morgen auszuruhen. Auch Jonathan war von seinem Vater gerufen worden, aber Katrina, Aleksander und ich standen noch beisammen und tauschten Geschichten aus. Meine Cousine schien jedoch nicht ganz so angetan von Jonathans neuem Freund wie ich es war, denn ihm fehlten manchmal die nötigen Manieren, die sie so schätzte.
„Du bist unglaublich viel herumgekommen“, staunte ich, als er seine Geschichte über die letzte Handelsreise mit seinem Vater beendet hatte und er lachte ein wenig verlegen auf.
„Es geht so.“
„Aber wenn du hier noch nicht so lange wohnst, kennst du dann schon die Legende über das Winterfest?“
Aleksander nickte, plötzlich ernst. „Natürlich, die kannte ich schon davor. Es ist eben nicht nur eine Legende.“
Katrina und ich wechselten einen Blick. „Du glaubst doch nicht wirklich daran?“, wollte ich wissen, aber er verzog keine Miene.
„Es ist eher merkwürdig, dass ihr es nicht tut. Um ehrlich zu sein, ich bin mir so sicher, weil ich die alte Frau aus der Legende bereits getroffen habe.“
Zweifelnd sah ich ihn an. Das klang nicht besonders glaubwürdig. „Es ist doch nur eine Geschichte für Kinder, wer sagt, dass du nicht irgendeine verwirrte Alte getroffen hast, die dich belogen hat?“
Er schüttelte vehement den Kopf, sodass seine weizenblonden Haare flogen.
„Es war auf einer Geschäftsreise mit meinem Vater und wir sind im Schnee stecken geblieben, da haben wir ihre Hütte gefunden und sie hat uns beherbergt bis es aufgehört hat zu schneien. Davor habe ich auch nicht daran geglaubt, aber als sie vor uns ihre Holzfiguren geschnitzt hat, wusste ich es.“
Auch Katrina schien der Geschichte des Jungen nicht recht zu glauben, aber ich konnte sehen, dass sie ihn nicht als Lügner bezeichnen wollte und daher lieber schwieg. Ich hingegen wollte die Wahrheit wissen – nun, vielleicht gab es diese Frau, aber ohne es mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben würde ich nicht glauben, dass sie tatsächlich die Alte aus der Legende war.
„Wenn du dir sooo sicher bist“, sagte ich herausfordernd, „dann wirst du es doch auf irgendeine Art und Weise beweisen können. Ansonsten kann ich dir leider keinen Glauben schenken, das alles klingt wirklich sehr lächerlich.“
„Raven, hör auf. Du weißt, dass er das nicht kann“, warf Katrina leise mahnend ein, vermutlich damit ich Jonathans Freund nicht bloßstellte. Aber das hatte er nur sich selbst zu verdanken.
Anders als erwartete drückte Aleksander jedoch die Brust heraus und wirkte allgemein sehr selbstsicher. „Mitnehmen konnte ich keine, wie auch, aber ich kann euch zu ihr führen – wenn ihr sie selbst trefft, dann werdet ihr schon die Wahrheit erkennen.“
Überrascht blinzelte ich ihn an. „Du kannst uns zu ihr bringen?“
„Natürlich, noch heute, wenn ihr das wollt.“
Katrina zog bittend an meinem Ärmel. Vermutlich wollte sie mir damit so etwas wie Raven-tu-es-nicht sagen, aber meine Neugierde war geweckt.
„Nun gut. Bring uns heute Abend zu ihrer Hütte und ich werde dir glauben, aber wenn du es nicht schaffst werde ich dich ordentlich auslachen, da kannst du dir sicher sein.“
Aleksander schenkte mir ein sorgenfreies Grinsen und streckte die Hand aus. „Ausgemacht?“
„Ausgemacht“, bestätigte ich ihm und schlug ein.

„Manchmal“, seufzte Katrina, als die Schlosstür hinter uns zufiel und uns alleine ließ mit der Kälte und der Dunkelheit, „Manchmal da hasse ich dich ein klein wenig.“
„Willst du es denn nicht herausfinden?“, fragte ich sie verständnislos und zündete die Gaslampe an, die ich geistesgegenwärtig mitgenommen hatte. Falls es komplett dunkel werden sollte, während wir noch unterwegs waren, würden wir uns so zurechtfinden.
Katrina ersparte sich die weitere Diskussion und stapfte auf die Gestalt am Hoftor zu, die Aleksander sein musste. Er hatte versprochen dort auf uns zu warten.
Eilig folgte ich ihr durch den Schnee, der mittlerweile sogar im Schlosshof knöcheltief lag und freute mich darüber, dass ich mir gefütterte Lederstiefel bringen hatte lassen, denen Wasser und Schnee nichts ausmachen konnten. Auch Katrina war dicker gekleidet denn je, um ihren Hals lag ein halbes totes Tier und ihre Finger steckten in weißen Lederhandschuhen, die sie bestimmt warm halten würden. Sie war in letzter Zeit recht häufig krank gewesen, vielleicht würde der kleine Ausflug sogar ihre Konstitution stärken.
„Da seid ihr ja“, rief Aleksander, als er uns entdeckte. „Bereit dafür, die Augen geöffnet zu bekommen?“
„Bereit dafür wieder nach drinnen zu gehen“, murmelte Katrina unbegeistert.
Grinsend lief ich ein Stück nach vorne und drehte mich. „In welche Richtung geht es, Herr Aleksander?“
Er deutete in Richtung der Waldgrenze entlang des Weges, der hinunter nach Walestein führte und ich sprintete nach vorne, bis mir die Puste ausging und ich lieber auf die anderen wartete.
„Ich verstehe nicht, wie du dich so darüber freuen kannst bei Nacht in der Kälte zu sein. Außerdem sollten wir gar nicht hier sein, um diese Uhrzeit und ganz alleine mit … Aleksander“, meinte Katrina fassungslos, als sie aufgeholt hatte.
„Das verstehst du nicht“, antwortete Aleksander an meiner Statt, „Aber für manche Menschen wird alles doppelt so lustig, wenn es verboten ist.“
Ich tauschte einen wissenden Blick mit ihm aus und rannte lachend wieder los, diesmal mit ihm dicht auf den Fersen. Der Schnee unter unseren Füßen knirschte herrlich, aber ansonsten war kein Mucks zu hören. Alles was nicht von dem Heulen des Windes übertönt wurde, verschluckte die dicke Schneedecke.
Eine Weile waren wir so unterwegs, Aleksander und ich voll Energie und mit jeder Menge Unsinn im Kopf, Katrina eher zögerlich und unbegeistert von der ganzen Aktion. Selbst als wir für eine Weile mit einer spontanen Schneeballschlacht anfingen, machte sie nicht mit, sondern stapfte lieber mit zusammengezogenen Augenbrauen hinter uns her.
Schließlich wurde die Wanderung jedoch auch mir langweilig und ich tupfte Aleksander an der Schulter an.
„Wie lange dauert es noch?“
Er warf einen Blick über die Schulter. „Wir sollten bald da sein.“
„Wie lange gehen wir eigentlich schon?“
„Ziemlich lange“, warf Katrina missmutig von hinten ein. Da konnte ich ihr nicht widersprechen, es kam mir ebenso bereits wie eine Ewigkeit vor, seit wir den verschneiten Wald betreten hatten.
Aleksander blieb abrupt stehen und ich lief beinahe in ihn hinein, konnte mich jedoch gerade noch mit den Händen an seinem Rücken abstützen.
„Was ist los?“, keuchte ich überrascht, mein Gleichgewicht suchend, nachdem ich einen Schritt zurückgetreten war.
Mit einem nicht identifizierbaren Gesichtsausdruck drehte er sich langsam zu uns.
„Ich bin mir nicht sicher.“
„Wie lang? Ja, ich auch nicht“, meinte ich verwirrt. Wie denn auch? Keiner von uns hatte eine Taschenuhr dabei.
„Nein. Ich bin mir nicht sicher wo wir sind“, wiederholte er tonlos und langsam dämmerte es uns was er damit meinte.
Nein. Das konnte doch nicht wahr sein. Bei der Erkenntnis was das bedeutete, stieg langsam Panik in mir hoch. Ich würde bei so einem Wetter nicht im Wald übernachten. Da gab es bestimmt Wölfe und anderes hungriges Getier und außerdem war es viel zu kalt und …
„Wir haben uns also verlaufen“, stellte Katrina sachlich fest und sah zwischen Aleksander und mir hin und her, als würde sie überlegen, wen sie als erstes meucheln sollte.


Fortsetzung folgt :3
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