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 Prinzessin Marleene, achte Tochter des Königs im Westen

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Sandra_Caterina
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BeitragThema: Prinzessin Marleene, achte Tochter des Königs im Westen   Mo Jan 08, 2018 1:52 pm

Eine Kurzgeschichte aus dem Leben von Ravens älterer Schwester Marleene. Die mittlerweile 20-Jährige ist die achte Tochter des westlichen Königs. Smile




Tick … tock … tick … tock … tick …
Mit einem tiefen Seufzer lies ich die Schultern kreisen, die von dem langen Sitzen in der ewig gleichen Position bereits steif geworden waren. Natürlich fing ich mir dafür sofort einen warnenden Blick von der grausamen Genevra ein, die sich für eine Gouvernante damit einiges erlaubte, denn ich war volljährig und könnte sie mit einer Handbewegung feuern. Aus Respekt vor ihrer langjährigen Stellung, Angst vor der Reaktion meines Vaters und vor allem aus Bequemlichkeit tat ich jedoch nichts derartiges, sondern ignorierte sie geflissentlich.
„Wir können gerne pausieren“, kam es höflich von hinter der Leinwand. Der Künstler war ein freundlicher Mann in seinen Zwanzigern, der von Ort zu Ort zog, wo auch immer man ihn gerade buchen wollte. Normalerweise hatten wir für wichtige Portraits wie dieses einen angestellten Maler, doch dieser lag zurzeit mit einem schweren Infekt im Bett und hinterließ eine Lücke, die dieser Chet Dorsey nun füllen sollte. In meinen Augen hatte er sich mit der Aussage von gerade eben bereits seinen Lohn verdient, denn der Hofkünstler ließ uns niemals aufstehen, bevor er nicht zufrieden war. Warum Vater ihn wohl nicht loswurde? Vermutlich weil sich nur diese zwei wahrlich exzentrische Menschen wirklich verstanden. „Eure Hoheit?“
„Nein, nein, fahrt fort. Wir hinken dem Zeitplan bereits hinterher“, erwiderte ich rasch und nahm wieder die korrekte Position ein. Das Gemälde hätte vor drei Tagen fertig sein sollen, doch Chet Dorsey lies sich gerne Zeit mit seiner Arbeit, damit es, seinen Worten nach, „dem Modell gerecht wurde“. Mein Vater ertrug die gelassene Einstellung des Künstlers nur schwer, stimmte mit ihm in letzterem Punkt jedoch überein. Das Gemälde, das zu meiner Hochzeit überreicht werden sollte, musste in seinen Augen perfekt sein. Bei dem Gedanken an die Vermählung in nur sieben Tagen drehte es mir den Magen um und ich schluckte hart. Während der Verlobungsfeier letztes Jahr war mir das ganze noch lustig vorgekommen, immerhin hatte ich meinen Zukünftigen erst einige Male gesehen und nun hatte man uns auf einem folgenschweren Fest an eine Tafel gesetzt und einander mehr oder weniger überraschend als zukünftiges Ehepaar vorgestellt. Ich hatte stets gewusst, dass die Möglichkeit einer arrangierten Verbindung durch meinen Vater bestand – falls es denn unserer Familie zu irgendeinem Vorteil gereichen würde -, doch real war es für mich erst geworden, als die Zeit voranschritt und ich mich auf einmal mit all den Hochzeitsvorbereitungen konfrontiert sah. Ein enormes, weißes Brautkleid wurde geschneidert, in der Küche diskutierte man seit Tagen über nichts anderes als das ausladende Buffet und den köstlichen Kuchen und von allen Seiten konnte ich mir frühe Glückwünsche und aufgeregtes Getuschel anhören. Selbst meine Schwestern stimmten in diesen begeisterten Chor ein, denn noch mit keiner einzigen hatte ich mich darüber unterhalten, was ich über Grady dachte. War das denn überhaupt von Belang?
Ich begegnete dem konzentrierten Blick des Künstlers, dessen grünes Augenpaar immer wieder über der Staffelei auftauchte, bevor er sich wieder in seine Farben vertiefte, und blinzelte. Mein Verlobter Grady, Lord of Kinstone, hatte ebenfalls ein Paar strahlend grüner Augen, das zumeist überaus freundlich unter dem strohblonden Haarschopf hervorschaute und mit wenigen Ausnahmen alles für gut und genehm befand, das es entdeckte. Ihn naiv zu nennen wäre womöglich ein wenig übertrieben, doch er hatte ein einfaches Gemüt. Mit ihm als Gatten wäre mein Leben sicherlich ruhig, beschaulich und unaufregend. Eine plötzliche Welle der Panik ergriff mich, als sich ein Bild von mir, gealtert, in Schürze und umringt von Jagdhunden und einer strohblonden Kinderschar vor dem ländlichen Anwesen der Kinstones vor mein inneres Auge schob. Nein! Nein, so konnte und wollte ich nicht leben! Ich war vielleicht wohlerzogen, doch ich genoss die Ausgelassenheit der Feiern, die unverbindlichen Tänze, die laute Musik und heitere Gesellschaft, die zeitlich unbestimmten Reisen in alle wilden Ecken des Königreichs, ich wollte so viel mehr sehen und erleben, aber als Lady of Kinstone würde ich meine Tage im letzten Winkel des westlichen Königreichs verbringen und meinen Kindern im stillen Kämmerchen Geschichten vom Hofe erzählen.
Erst als sich die Blicke meiner Gouvernante in mich bohrten, bemerkte ich, dass ich nicht mehr saß. Ernüchtert nahm ich wieder Platz auf dem schwer verzierten Stuhl und strich mir die dunkelbraunen Wellen ordentlich hinter die Schultern, als ich merkte, dass auch der Maler innegehalten hatte. Anders als die grausame Genevra schien er jedoch nicht wütend über meinen stillen Gefühlsausbruch, sondern neugierig. Natürlich, man sah nun einmal nicht jeden Tag wie sich eine sonst wohlerzogene Prinzessin aufführte wie ein verrücktes Huhn. Tief ein- und ausatmend versuchte ich mich zu beruhigen und nicht mehr an die furchtbare Zeremonie zu denken, die mich erwartete.




„Es ist eine Katastrophe!“, stieß ich frustriert aus und schlug mit dem weiß bestrumpften Fuß gegen eine Anrichte aus Mahagoni, eine Aktion, die ich sofort bereute. Mit schmerzendem Zeh ließ ich mich auf den Boden sinkend, während ich darum bemüht war, nicht zu fluchen. Das gehörte sich nicht. Doch es gehörte sich ebenso wenig mich wie ein Gespenst zu behandeln! Sofort musste ich an Cynthia denken und fragte mich, ob sie sich ständig so fühlte wie ich mich diese Woche. Meine ältere Schwester hatte diesen Spitznamen aufgrund ihrer erschreckenden Blässe und Zurückgezogenheit erhalten, doch sie beschwerte sich niemals darüber. Ich hingegen hatte bereits nach wenigen Stunden als „Gespenst“ das Bedürfnis zu schreien und um mich zu schlagen. Interessierte denn niemanden was ich dachte und fühlte? Weshalb ignorierte man meine Versuche meine Zweifel zu erklären so hartnäckig?
„Eure Hoheit.“
Erschrocken wirbelte ich herum und verfing mich dabei beinahe in den schweren Unterröcken, die sich bösartigst um meine Beine schlangen. Um mein Gleichgewicht kämpfend, starrte ich den Maler an, der den bisher leeren Saal auf leisen Sohlen betreten hatte. Was für ein Bild ich abgeben musste. Die neuen Schuhe für die Hochzeit hatte ich nach einem kurzen, vergewissernden Blick durch den Raum von mir getreten, bevor ich verzweifelt dazu übergegangen war auf- und abzulaufen, einzelne Haare aus meiner säuberlich geflochtenen Frisur zu ziehen und zu weinen.
Mir wurde heiß, als ich versuchte krampfhaft zu retten, was noch zu retten war. Währenddessen verharrte Mr. Dorsey ruhig an Ort und Stelle, ohne einen Mucks von sich zu geben, jedoch auch ohne zu gehen oder mir ein Taschentuch anzubieten – wie es jeder anständige Mann getan hätte. Erst als ich den Zopf gerichtet, die Schuhe wieder angezogen und die letzte Träne von meinen Wangen gewischt hatte, schien er sich einen Kommentar zu erlauben.
„Soll ich nach einem Arzt schicken?“, fragte der Künstler schlicht, nach allen Regeln des guten Benehmens nicht auf mein verweintes Gesicht eingehend.
Doch das letzte, das ich jetzt brauchte, war ein Arzt, der mir bestätigte wegen der aufkommenden Hochzeit in Hysterie zu verfallen. Das konnte ich mir auch selbst bescheinigen, ohne die darauffolgenden Kommentare wie „Bis zum Tag der Hochzeit soll sie sich schonen, dann werden sich ihre Nerven beruhigen“ oder „Eine ganz natürliche Reaktion“ ertragen zu müssen.
So damenhaft wie möglich über meine roten Augen reibend, schüttelte ich den Kopf. „Unterstehen Sie sich das zu tun.“
Ein wenig überrascht, zuckten die Mundwinkel meines noch immer regungslosen Gegenübers.
„Nun, was soll ich sonst tun? Wollt Ihr womöglich mit jemandem darüber sprechen, was Euch so aufregt?“
Sein Angebot war bestimmt von freundlicher Natur, doch der milde amüsierter Gesichtsausdruck, den er dabei zur Schau stellte, ließ meine Antwort heftiger ausfallen als gewollt.
„Nein. Mit Ihnen bestimmt nicht“, stieß ich heftig hervor, bevor ich es auch schon bereute. Wo waren meine Manieren geblieben, ich erkannte mich selbst kaum wieder. Der Maler hingegen schien unbeeindruckt, zuckte bloß mit den Schultern und wandte sich langsam ab. Ob er ein guter Zuhörer war? Nein, wie sollte ich mit einem Mann von seinem Stand denn über meine Probleme reden ohne wie eine zimperlich Göre zu wirken. Doch zumindest würde er sich unterstehen es weiterzutratschen und er war der Erste, der Allererste, der seit einer Ewigkeit gefragt hatte …
„Wartet.“
Gelassen drehte sich Mr. Dorsey wieder zu mir um und ich bemerkte erst jetzt, dass sein Hemd übersäht mit Farbflecken war. In seiner linken Hosentasche steckte neben seiner Hand auch ein Pinsel und allgemein wirkte er, als wäre er gerade beim Malen unterbrochen worden. Auf einen kurzen Moment der Verwirrung hin fiel mein Blick auf die Staffelei, die vor den gläsernen Balkontüren aufgestellt war.
„Oh“, machte ich leise, denn ich war zuvor so in meiner eigenen Welt gefangen gewesen, dass ich sie nicht bemerkt hatte. Ansonsten hätte mir auffallen müssen, dass die Möglichkeit der Rückkehr des Malers bestand.
„Ich weiß nicht viel über Euer Leben“, begann er geradeheraus, als er sich endlich von der Tür löste und zu mir kam. „Aber, mit Verlaub, glücklich wirkt Ihr nicht.“
Stumm sah ich ihn an, denn noch immer saß mir ein riesiger Kloß im Hals und das letzte, das ich wollte, war, vor dem Maler erneut in Tränen auszubrechen.
Nach einer Weile fuhr er fort, vorsichtiger diesmal, als wäre er sich nicht sicher wie weit er gehen konnte. „Das Portrait ist für Eure Hochzeit, so viel weiß ich. Euer Zukünftiger soll Euch erst kürzlich vorgestellt worden sein, aber man hört viel Gutes von ihm. Er ist keine extravagante Nervensäge, um es einfach auszudrücken, Eure Hoheit. Ein einfacher Mann sogar, freundlich, schlicht und von sonnigem Gemüt. Seine Ehefrau wird es bestimmt nicht schlecht haben.“
In dem Wissen, dass er mir nur helfen wollte, verkniff ich mir einen bösartigen Kommentar über das langweilige Gemüt meines baldigen Gattens und bemühte mich stattdessen um ein Lächeln. „Damit werden Sie wohl recht haben, Mister Dorsey“, antwortete ich tonlos und sah aus dem Fenster.
Draußen spielte sich eine wundervolle Szene ab, denn die untergehende Sonne tauchte die flaumigen Wolken in orange und rosa Pastellfarben. Kein Wunder, dass sich der Künstler diesen Ort zum Malen ausgesucht hatte.
Er musste bemerkt haben, dass mein Blick seine Staffelei gestriffen hatte, denn er bewegte sich in ihre Richtung. Bedächtig folgte ich ihm, mir mit jedem Schritt der neuen Schuhe für die Hochzeit bewusster werdend. Sie passten hinten und vorne nicht, obwohl die Abmessungen stimmen sollten und engten mich unangenehm ein, sodass ich sie nach dem Tag der Vermählung bestimmt nie wieder tragen würde. Dabei hatte mir der elfenbeinfarbene Stoff, mit dem sie ausgekleidet waren, so gut gefallen.
„Wann auch immer ich einen schlechten Tag habe, beginne ich zu zeichnen.“ Der Maler sprach, während er sein halbfertiges Gemälde von der Staffelei nahm und einen neuen Leinrahmen einspannte. „Es hat etwas unglaublich entspannendes an sich, die schönen Dinge zu betrachten und zu versuchen, sie nachzuahmen. Auch wenn sich ihre Schönheit meist nicht einfangen lässt.“
Ehe ich mich versah, hatte er mir einen Pinsel und seine Farbpalette in die Hand gedrückt. Schräg hinter mir verweilte er, mit einer Hand die Unebenheit der Wolken in der Luft nachfahrend.
„Ich bin nicht geübt im Malen“, gab ich überrumpelt zu und versuchte ihm seine Utensilien wieder zurückzugeben, doch er hob abwehrend die bunten Hände.
„Darum geht es doch gar nicht“, versicherte er mir mit einem kleinen Lächeln. „Einfach malen, nicht zu viel denken. Das ruiniert immer alles.“
Da ich mich vor dem Künstler heute auf gefühlt alle nur möglichen Arten blamiert hatte, fand ich es nicht mehr allzu herausfordernd, meine letzten Hemmungen abzulegen und einfach darauf los zu malen. Nicht eine Sekunde lang hielt ich das Bild für gelungen, die Farben verflossen ineinander und vermischten sich zu ganz unangenehmen Tönen an den Rändern, die weichen Wolken wirkten bizarr geometrisch und das Licht schien von allen Seiten zu kommen, aber Mr. Dorsay hatte recht. Meine Gedanken begannen bei den wundervollen Gebilden vor dem Fenster und den Farben in meinen Händen zu verweilen und für einen Moment hatte ich den Horror des Tages beinahe vergessen.
Plötzlich hörte ich den Maler hinter mir gedämpft lachen, als hätte er sich bis jetzt nur mit Mühe beherrschen können. Sauer klatschte ich den Rest der violetten Farbe auf die Leinwand, bevor ich mich zur Seite drehte und ihn für den Bruchteil einer Sekunde anfunkelte. Doch lange hielt ich nicht durch, dann musste auch ich über meine unterirdischen Zeichenkünste lachen.
„Ich habe Sie gewarnt“, erinnerte ich Mr. Dorsay mit erhobenem Zeigefinger. „Sich nachher über meine Verfehlungen zu amüsieren, ist nicht sehr ehrenhaft.“
Mein breites Lächeln widerlegte die Ernsthaftigkeit meiner Worte jedoch und ich schien den Künstler damit nicht zu treffen. Er schüttelte bloß den Kopf, sodass sich einige dunkelbraune Strähnen aus seinem Pferdeschwanz lösten.
„Da mögt Ihr recht haben, aber auf diese … Interpretation war ich nicht vorbereitet.“
Bei seinen Worten besah ich mir das Bild noch einmal und fing unwillkürlich wieder an zu kichern. Nun, ich konnte nicht leugnen, dass es ein Desaster war. Als ich die Augen schließlich wieder davon hob, begegnete ich einem sehr zufriedenen Blick.
„Ich würde behaupten, dass Ihr Euch tatsächlich etwas besser fühlt“, stellte er lächelnd fest.
Ich öffnete den Mund um zu antworten, doch in diesem Moment flog die Flügeltür auf und eine stämmige Bedienstete kam hereingelaufen.
„Eure königliche Hoheit, die Schneiderin verlangt nach Euch. Sie wartet mit den Zofen in Eurem Ankleideraum“, gab sie höflich Bescheid, bevor sie tief knickste und wieder verschwand. Die Tür blieb jedoch offen und ich starrte sie einige Sekunden lang an, bis Mr. Dorsay sich räusperte.
„Ich denke Ihr werdet verlangt.“ Er schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. „Eure königliche Hoheit. Ihr wisst, wo Ihr mich findet.“




Schwach ließ ich mich in einen gut gepolsterten Sessel am Kamin fallen, während sich eine Zofe über meine Füße hermachte. Nur am Rande bekam ich mit, dass mir Strümpfe angezogen wurden und eine heftige Diskussion über das Korsett, das ich tragen sollte, entbrannte. Heute sollte ich Lady of Kinstone werden, indem ich Brady ehelichte und dem Heim meiner Familie vermutlich für immer Lebewohl sagte. Die Tragweite dieser Zeremonie war so erschreckend, dass ich heute morgen mit Watte im Kopf und gelähmten Gliedmaßen aufgewacht war. Wie sollte ich diesen Tag nur bewältigen? Wie sollte ich vor dem Geweihten stehen und Brady versprechen, unseren Bund zu ehren, wenn ich am liebsten schreiend in die andere Richtung davonlaufen würde?
„Eure Hoheit, Miss Marleene.“
Eine der Zofen bemühte sich um meine Aufmerksamkeit und müßig drehte ich meinen Kopf zu ihr.
„Ist Euch das Korsett denn recht?“
Sie hob das weiße Stück an, sodass es in meinem Blickfeld schwebte, und ich begann die Fischbeinstäbe zu zählen, die es stärkten, aber wurde nicht fertig. Sie verschwommen vor meinen Augen, als diese sich mit Tränen füllten.
Stille legte sich über den Raum; eine Zofe stolperte beinahe über das andere, nun missachtete Korsett, das den Boden zierte, als sie mir ein Taschentuch brachte. Wortlos nahm ich es an und tupfte mein Gesicht ab, während ich mich um Fassung bemühte. Trotz des Tränenschleiers entging mir nicht, dass sich die Mädchen unsichere Blicke zuwarfen. War dies der ganz normalen Nervosität zuzuschreiben? Durfte man sich erkundigen? An jedem anderen Tag hätte ich sie beruhigend angelächelt, entlassen und mich in Ruhe beruhigt, doch die Zeit hatte ich heute nicht. In weniger als zwei Stunden musste ich dieser gefürchteten Zeremonie beiwohnen und wenn kein Wunder geschah, musste ich spätestens am Ende der Woche das Schloss verlassen und Teil von Bradys Familie werden.
„Würdet Ihr bitte aufstehen, Eure Hoheit? Das Kleid kann nur im Stehen angezogen werden“, bat eine der jüngeren Zofen mit piepsiger Stimme. Um ein freundliches Gesicht bemüht, wischte ich die letzten Tränen weg und hörte auf Widerstand zu leisten.
Geschäftig machten sich die Anwesenden an die Arbeit und legten mir Schicht um Schicht den elfenbeinfarbenen Traum um, der mich in meinen persönlichen Albtraum begleiten würde. Konnte man an Langeweile und unzulänglichen Gesprächen sterben? Ich würde es herausfinden, dachte ich bitter und keuchte auf, als die Zofen das elfenbeinerne Gefängnis noch etwas enger schnürten. Falls ich zuvor nicht in Atemnot geriet oder verhungerte, denn das Buffet konnte ich in diesem Gewand bestimmt nicht genießen.
Gerade, als die letzten Handgriffe getätigt wurden, schwang die Tür auf und Senta kam lächelnd herein. Die Zofen knicksten tief beim Eintreten der Königin und traten respektvoll ein paar Schritte zurück, sodass sie zu mir kommen konnte.
„Meine Kleine“, sagte sie und griff sich überwältigt an die rundliche Wange. „So ein wundervolles Kleid, du hast selten so hübsch ausgesehen.“
Ich zwang mich zu lächeln und hoffte, dass die Zofen meine verweinten Augen mit genügend Puder kaschiert hatten. Meine Mutter war immer gut zu mir gewesen, um nicht zu sagen fabelhaft, und ich wusste wie wichtig ihr mein Wohlergehen war. Ihr zu zeigen, dass ich todunglücklich über dieses Arrangement war, würde sie bloß verletzen und ich wollte nicht, dass sie wegen einer Entscheidung meines Vaters, die auch Senta unmöglich noch umstoßen konnte, unglücklich war. Eines musste man meinem Vater lassen, er stand zu seinem Wort und er hatte es den Kinstones gegeben.
„Du musst furchtbar aufgeregt sein“, mutmaßte meine Mutter derweil und grub in ihrem kleinen Beutel, bis sie fand, wonach sie suchte, und es mir lächelnd entgegenhielt.
Wortlos nahm ich die Perlenkette entgegen. Die Perlen glänzten wunderschön im einfallenden Tageslicht, aber ich brachte kein Danke über die Lippen. Glücklicherweise deutete Senta mein Schweigen als Überwältigung und kümmerte sich nicht weiter darum.
Andächtig strich sie mir eine braune Welle hinters Ohr, die sich gelockert hatte. Sie brauchte kaum zu einer der Zofen hinsehen, da machte sich diese schon daran die verbrecherische Strähne mit einer weiteren Perlenspange nach hinten zu stecken.
„So“, meinte meine Mutter glücklich, einige Schritte nach hinten gehend, um ihr Meisterwerk zu bewundern. „Ganz und gar perfekt.“
Perfekt? Wie gerne hätte ich die verhassten Schuhe fortgeschleudert, das teure Kleid zerrissen und wäre für immer fort – aber ich konnte nicht nur an mich denken. Ich zwang meine steifen Mundwinkel nach oben und griff nach Sentas Händen.
„Du wirst da sein, nicht wahr?“
„Natürlich, wo denkst du hin“, rief sie gespielt entsetzt aus. „Ich würde für nichts in der Welt diesen Moment verpassen, Marleene.“
Sie tätschelte meine eiskalte Hand, bevor sie aufstand und ihr eigenes Kleid richtete.
„Wir sehen uns unten, meine Kleine. Sei stark.“
Als die Tür hinter meiner Mutter zugefallen war, schwand auch das Lächeln von meinem Gesicht. Trotz der hohen Temperaturen an diesem schönen Frühlingstag zitterte ich, mehr vor Nervosität als Kälte. Jetzt wurde es ernst, in wenigen Augenblicken würde ich aufstehen und hinuntergehen in den Schlosspark, wo alle darauf warteten, dass ich den Bund mit einem Mann schloss, den ich weder verstand noch schätzte. Hilflos sah ich hinunter auf die brav gefalteten Hände in meinem Schoß, wo die elfenbeinfarbenen Handschuhe das Zittern nicht verstecken konnten.
„Hat jemand… Farbe?“
Die Zofen verharrten und warfen sich fragende Blicke zu. Was genau wollte ich eigentlich damit bezwecken? Ich hatte wohl zu viel Zeit mit Mr. Dorsay verbracht, denn ein wenig Malerei würde mich nun auch nicht mehr retten. In den letzten Tagen hatten wir so viele Stunden miteinander geredet und gemalt, dass ich schon selbst begonnen haben musste, an die magischen Fähigkeiten eines Pinsels und ein bisschen Farbe zu glauben. Wirklich unsinnig.
„Papier und Farbe, bitte. Eine Leinwand, Pinsel, etwas derartiges?“
Auf meine erhobene Stimme hin machte sich tatsächlich eines der Mädchen klein und holte aus einer der Kommoden Briefpapier. Elfenbeinfarben, genau wie mein Kleid. Vorsichtig legte sie es vor mir auf das kleine Tischchen, das passend zu der restlichen Dekoration des Zimmers, mit weißer Spitze belegt war. Sobald ich eine Feder und etwas Tusche in der Hand hielt, begann ich zu zeichnen. Nicht denken, zeichnen, dachte ich mir immer und immer wieder, während die Spitze der Feder über das Papier kratzte. Doch heute blieb der gewünschte Effekt aus, heute verhalf mir die kopflose Tätigkeit auch zu keiner Ruhe mehr. Den Tränen nah knallte ich die Feder auf den Tisch, als die Tür ein weiteres Mal aufsprang.
Überrascht erkannte ich Mr. Dorsay, der, ausnahmsweise einmal nicht in seiner Malerkluft im Türrahmen stand, sondern seinen besten Anzug trug. Er begann nicht gleich zu sprechen und auf seinen etwas ratlosen Blick hin, entließ ich die Zofen, da ich mit dem Maler noch ein kurzes Gespräch über das Portrait halten wollte.
Nachdem das letzte Mädchen den Raum verlassen hatte, nicht ohne dem Künstler einen wachsamen Blick zuzuwerfen, trat er näher.
„Ihre Methode ist nicht besonders hilfreich“, beschwerte ich mich mit einem Blick auf das vollgekritzelte Stück Briefpapier.
Sein Blick löste sich nicht von den abstrakten Malereien, als er sich auf dem Sessel gegenüber niederließ und sprach. „Dann muss ich also annehmen, dass es Euch nicht gut geht? Ich wollte meine Glückwünsche ausdrücken.“
„Die können Sie sich sparen, Mr. Dorsay“, erwiderte ich bitter. „Annehmen können sie jedoch was auch immer Ihnen lieb ist. Das scheint zumindest am Hof so üblich zu sein.“
Trotz meines Zustands lachte ich mit ihm über diese Feststellung, wenn auch ein wenig heiser und holprig. Plötzlich wurde er jedoch ernst und setzte sich aufrecht hin.
„Ihr wollt dieses reiche Söhnchen doch gar nicht heiraten. Wieso tut ihr es dann?“
Von seiner Direktheit schon lange nicht mehr überrascht, warf ich einen Blick an die blanke Decke.
„Denkt Ihr, ich habe eine Wahl?“
Er lächelte nachsichtig, woraufhin ich ein wenig Ärger verspürte. Ganz verstand er meine Situation ja doch nicht, es mochte vielleicht so aussehen, als hätte ich eine Wahl, doch zu welchem Preis? Würde es mich meine Familie kosten „Nein“ zu sagen? Bloß meinen Ruf? Wie auch immer die Würfel fielen, ich würde mit der Demütigung leben müssen und als alte Jungfer enden.
„Man hat immer eine Wahl“, beschloss er schließlich und erhob sich. Bevor ich wusste was geschah, hatte er meine Hände in die seinen genommen und mein Ärger verflog mit einem Blick in sein Gesicht. Ein Lächeln huschte darüber, das ich beinahe – entgegen besseren Wissens – als nervös gedeutet hätte, als er leise zu sprechen begann. „Kommt mit mir, Marleene. Ich gestehe, ich werde Euch keine teuren Steine oder Stoffe bieten können, kein Jagdschloss und vermutlich auch keine zwölf Gästezimmer. Aber ihr werdet stets an erster Stelle stehen, nicht Euer Titel, nicht Eure Familie und ich werde dafür sorgen, dass Ihr noch viel, viel mehr von der Welt seht und erlebt, bevor Ihr Euch in einem Haus am Land niederlasst. Vorausgesetzt, dass Ihr Euch das wünscht.“
Sprachlos starrte ich ihn an. Mein Kopf verarbeitete noch, was er eben gesagt hatte, als mein Mundwerk bereits schneller war. „Kniet man denn für solch eine Ansprache denn normalerweise nicht nieder?“
Ein schuldbewusster Grinser breitete sich auf Chet Dorsays Gesicht aus, während er langsam vor mir auf ein Knie sank und seine Aufgabe diesmal zur vollsten Zufriedenheit aller Anwesenden erledigte.
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